Menschen, die nicht in Schubladen passen oder sich nicht in solche einsortieren lassen, haben es schwer. Das beruht natürlich auf Gegenseitigkeit. Wir alle wollen die Welt und das, was uns umgibt, verstehen und versehen dahingehend alles und jeden mit einem Etikett. Deckel drauf.
Doch oft sind wir es selbst, die wir uns fremd sind. Oder uns im Laufe der Jahre fremd geworden sind. Wir tragen unsere erlernten Muster vor uns her wie einen Bauchladen, aus dem wir je nach Anlass und Situation das passende Verhalten, die angemessene Reaktion herausziehen. Passend und angemessen ist es jedoch lediglich für uns. Unser Gegenüber hat dazu meist eine ganz andere Meinung, ganz andere Vorstellungen, Erfahrungen, Erwartungen.
Irgendwann kann es sein, dass wir uns sogar fremd im eigenen Leben fühlen. Als ob sich da etwas verselbstständigt hat, was sich unserer Kontrolle entzieht. Der Deckel nicht mehr passt, oder wir ihn schlicht und ergreifend mit der letzten Aktion zerdeppert haben. Unsere Wut, unsere Ohnmacht, unseren Schmerz einmal zugelassen haben. Den Topf nicht in dem Augenblick, als das Wasser sich zu kräuseln begann, vom Herd genommen haben. Und nun droht die Suppe überzukochen. Zu verdampfen.
Nachdem sich so manche Schublade, so manches Schrankfach nach und nach leert, frage ich mich, ob diese äußere zunehmende Leere in meinen Räumen die innere widerspiegelt. Oder ist es ein lang überfälliges Aufräumen? Ausmisten? Von alten Mustern, eingefahrenen Wegen, Sackgassen? Der Versuch, zu jedem Topf einen Deckel zu finden, der passt und sich von denen, die angelaufen, verkratzt, verbeult sind, zu trennen. Oder versuche ich lediglich, alles Unschöne, Ungute loszuwerden, um der Konfrontation mit mir selbst aus dem Wege zu gehen? Und am Ende auch noch den Topf, dessen Deckel nicht mehr existiert oder auffindbar ist im Durcheinander des Lebens, entsorge.
Frau L. spricht gern von Prägungen. Aber sind Prägungen ein besserer Ausdruck als Muster? Etwas, das sich einfach umkehren, ändern lässt? Etwas, was von außen und damit ohne eigenes Zutun sich in einem manifestiert hat? Ist man in dem Fall schuldlos? Nach dem Motto: Deckel drauf und gut ist’s?


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