Steps to Stories

Wenn jeder Schritt zu einer (anderen) Geschichte wird


Eine aussterbende Spezies

Mit welchem Tier würdest du dich vergleichen und warum?

Ich wusste es ja schon immer: ich sitze auf einem absterbenden Ast. Und wenn schon nicht absterbend, dann doch zumindest auf dem Baum, der eher früher als später dem Erdboden gleichgemacht wird, weil er irgendeinem kommerziellen Zweck zum Opfer fällt. Und wenn ihn dieses Schicksal verschont, dann wird es der Klimawandel schon richten.

Doch von Anfang an.

Es gab einmal ein anderes Leben, eines vor diesem, also nicht so was von wegen Wiedergeburt und so, sondern ein Leben, als ich noch wusste, wo mein Platz ist, ich noch eine Stimme hatte, die mir gut zusprach, mich inspirierte. Es gab auch mal eine Zeit, als ich noch mehr war als jetzt. „Ich werde immer weniger“, hatte ich seinerzeit einmal zu E. gesagt, nicht wissend, was es genau bedeutete und welche Auswirkungen das haben sollte, aber mir durchaus bewusst, dass ich anfing zu verschwinden. Hätte ich damals, also vor dem Weniger-Werden, die Frage, nach dem Tier bekommen, wäre die Antwort: ja klar Pinguin, gewesen (siehe auch „Die Dinge abschließen“). Denn wenn Frau Pinguin erst einmal in ihrem Element ist, dann ist sie unglaublich. Aber auch sonst passte der Vergleich ganz gut: nichts konnte mich abschrecken. „Umkehren beziehungsweise aufgeben ist keine Option“, war immer meine Devise.

Nun, das mit dem Pinguin hat sich also erledigt. Doch was bin ich dann? Wohlgemerkt: nicht, was möchte ich gern sein, sondern was bin ich? Denn die Frage, was man sein möchte zu der, was man ist, verhält sich ähnlich wie die Sache mit der Eigen- und Fremdwahrnehmung. Klar wäre ich auch gern ein Tiger oder Adler oder etwas anderes, was Kraft und Mut und eine hier-bin-ich-und-hier-bleibe-ich-Haltung verkörpert. Und eben nicht der Hase, der immer im Zick-Zack davonrast, sich versteckt und in seinem Bau verschwindet, wenn es Ärger gibt.

Aber: wir können alle nicht aus unserer Haut, egal, welchen kosmetischen Methoden oder Eingriffen wir uns unterziehen. An der Oberfläche mag aus dem Wolf ein Schaf geworden sein und umgekehrt, aber fühlt man sich dabei wirklich als man selbst? Anderes Futter, andere Herde – da wird doch jeder Schritt, jedes Wort zu einem Kraftakt, weil man nicht auf- und herausfallen möchte. Weder aus der Rolle noch der Gruppe. Ich weiß, wovon ich rede. Ich bin nahezu sechs Jahrzehnte auf dieser Welt und kämpfe, mal mit, mal gegen meine Muster – schon ein Leben lang. Aber das ist eine andere Geschichte.

Zurück zur Frage: was bin ich?

In Ermangelung einer geistigen Eingebung habe da mal die weite Welt des Internets in meine kleine Eremitage eingeladen, mir zur Seite zu stehen. Und siehe da, es gibt wirklich nichts, was es nicht gibt – sogar unzählige Seiten, die einem das Tier in einem aus einem herauslocken. Worauf das basiert? Keine Ahnung, aber heutzutage glauben wir ja gern ganz viel, was uns per Klick auf den Bildschirm gespielt wird. Anderes Thema, ich weiß.

Lange Rede, nur bedingt Sinn: Ich bin ein Koala. Wie gesagt, ich wusste es schon immer: vom Aussterben bedroht – trotz Niedlichkeitsfaktor. Nicht nur, dass es Koalas einzig und allein in Australien gibt, nein, sie ernähren sich auch nahezu ausschließlich von Eukalyptus, einer im Grunde giftigen Pflanze. Da hilft es auch nicht, dass es sich beim Koala-Typen – mir – um eine ruhige Persönlichkeit mit beruhigender Präsenz, Kooperationsbereitschaft und hohem Harmonieanteil handelt. Ein Wesen, welches bestrebt ist, das Wohlbefinden anderer zu fördern und auf das sich andere verlassen. An dieser Stelle schöne Grüße an den Nachwuchs, der sich noch immer in meinem Habitat wie zuhause fühlt: Koalas sind Einzelgänger!

Tja, da bleiben eigentlich nur zwei Optionen: so lange und so viele Tests machen, bis einem das Ergebnis zusagt. Oder hin und wieder die Krallen ausfahren. Denn die haben Koalas auch.



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