Kreuzungen sind wahrlich keine Orte, die einem viel Zeit lassen, in Ruhe die Richtung zu wählen. Geschweige denn, eine Änderung des eingeschlagenen Weges oder gar eine Wende zuzulassen. Und dennoch stehe ich schon seit Wochen an dieser hier – oder sind es vielleicht schon Jahre, und ich habe es nur nicht bemerkt, weil sich der Stillstand so verdächtig ähnlich anfühlt wie die Bewegung. Und während nun also die Welt um mich herum weiterzieht, weiß ich noch immer nicht, ob ich überhaupt weiß, wohin.
E. hat mir, mehr als einmal, zu verstehen gegeben, dass das Hin-zu eine weitaus stärkere Antriebskraft sei als das Weg-von. Seitdem sitzt dieser Satz in mir wie ein stiller Vorwurf, denn wenn ich zurückblicke auf die Wege, die ich eingeschlagen habe, die Richtungen, die ich gewählt oder eben nicht gewählt habe, dann war es bei mir doch immer nur ein schnödes Wegwollen, ein Weglaufen, ein Wegkommen-um-jeden-Preis. Kein Hin. Nur Weg.
Dabei ist das vielleicht das Urmenschlichste überhaupt: Seit jeher wollten Menschen zuerst weg – von irgendwo oder irgendwas oder irgendwem, von dem, was untragbar geworden war. Und dann, erst dann, irgendwann, verlieh ein Hin-zu den nötigen Anstoß. Säßen wir sonst nicht vielleicht alle noch auf der Landmasse des afrikanischen Kontinents, wartend auf eine Vision, die groß genug wäre, uns in Bewegung zu setzen? Das Unerträgliche aber braucht keine Vision. Es reicht, dass es sich nicht länger ertragen lässt. Bei mir jedenfalls war das immer Motivation genug.
Ich blicke also auf mein Leben, welches bereits mehr als ein paar Lenze zu verbuchen hat, und verliere mich im Grübeln darüber, dass die hier und da begangenen Wege, hätte ich die andere Richtung zu meiner gemacht, ja am Ende unter Umständen nicht in Sackgassen geendet wären. Wenn, ja wenn ich doch nur einem Hin-zu gefolgt wäre. Bin ich letztlich einfach immer nur gegangen? Oder war mein Antrieb, mein Leidensdruck, nie groß genug, um wirklich loszugehen?
Und so frage ich mich, ob das Weg-von nicht vielleicht doch unterschätzt wird – ob es nicht seine eigene stille Würde hat, dieses Weglaufen, dieses Wegatmen, dieses Sichentziehen aus dem, was nicht mehr geht. Ob der erste Schritt nicht immer ein Schritt von etwas weg ist, bevor er je ein Schritt zu etwas hin werden kann.


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