Wie oft fühlen wir uns hineingezwungen – bestimmt von Konventionen, eigenen Ansprüchen, Anforderungen, selbst auferlegten Dogmen, Erwartungen? Gefangen in einem Netz, das an uns klebt, uns einschränkt und uns nicht von der Stelle kommen lässt.
Allzu oft nutzen wir all dies als Ausrede, warum etwas geht oder eben nicht, warum wir bleiben müssen, wo wir sind, warum der nächste Schritt unmöglich scheint. Letztlich machen wir uns selbst etwas von. Und immer ist es die Angst, die uns treibt, uns leitet, von der wir uns bestimmen lassen.
Nun ist es so, dass sich manchmal die ganze Situation in eine selbsterfüllende endlose Schleife an Unglückseligkeiten verwandelt. Irgendwann ist der Knoten im eigenen Denken so groß, so festgezurrt, dass wir schon nicht mehr an eine Wendung, noch weniger an einen Erfolg glauben.
Als ich Ende 2024 einen Job antrat, von dem ich annahm, es wäre die Lösung, die Rettung, ein Lottogewinn und der, mit dem ich bis zum Ende meines Arbeitslebens glücklich wäre, war ich mehr als motiviert und hoch engagiert. In der Folge meldete ich mich für einen Französischkurs an. Ich meinte sogar, es wäre ein Zeichen – als ob das Leben in Zeichen sprechen würde, aber das ist eine andere Geschichte – dass E. kurz zuvor in der Bretagne gewesen war und ich da schon dachte: ach ja, Französisch, das könntest, ja, das solltest Du mal wieder auffrischen. Es ist eine so schöne Sprache und schade, dass Du es hast so schleifen lassen.
Ein Jahr zuvor hatte mein damaliger Manager seiner Partnerin in Paris einen Heiratsantrag gemacht. Mir hatte er seine Planung und die Geschichte in allen Einzelheiten erzählt. Und das zu einer Zeit, als meine eigene Partnerschaft mehr als auf der Kippe stand. Ich war seinerzeit professionell genug, um meinem Frust und Schmerz erst nach Feierabend Luft zu machen.
Kurze Zeit später erzählte mir meine Freundin E., dass sie mit ihrem Mann in Paris gewesen sei. Urlaub machen. Frankreich begann mich zu verfolgen. Bis zu dem Job. Und gerade den nahm ich dann zum Anstoß, meine Sprachkenntnisse aufzufrischen.
Dass E. die ganze Sache falsch auffasste, war nur allzu verständlich – aus seiner Sicht jedenfalls. Aber mich ihm verständlich zu machen, das war ja auch ein ständiges Versagen, ein Reden aneinander vorbei, ein Nicht-Ankommen beim anderen, egal wie viele Worte ich fand.
Folglich wurde aus der, wie ich dachte, schönen Idee, ein Stachel, mit dem mich E. immer wieder gern piesackte und ich den begonnenen Kurs schließlich ignorierte, die App auf meinem Handy wie eine Mahnung, der ich auswich. Aber es rumorte in mir. Und es wurmte mich, denn nun war diese ganze Frankreich-Episode sinnbildlich mit dieser unglücklich endenden Beziehung verbunden, wie zwei Dinge, die nichts miteinander zu tun haben sollten und doch untrennbar verknotet waren. Nach dem Motto: E. und seine Liebe zu mir stand auf einer Ebene mit meinen Bemühungen, mein Französisch aufzufrischen. Als wäre das eine am anderen gescheitert.
Und fortan begegneten mir gefühlt an jeder Ecke Dinge, die mich immer wieder damit konfrontierten. Die Unzahl an französischen Filmen, welche ich wirklich ganz besonders mag, die Urlaubsberichte anderer, Werbemails und nicht zuletzt die App, welche mir auf meinem Handy tagtäglich wie ein stummer Vorwurf begegnete, all das nagte an mir.
„Das kann doch nicht so schwer sein“, sagte ich mir an einem Punkt und nahm den Französischkurs wieder auf. Mit mäßigem, eher unzureichendem Erfolg. Die Vokabeln, die Grammatik, nichts wollte sich in meinem Sprachzentrum niederlassen. Offensichtlich war es doch so schwer. Und der Knoten im Hirn, die unliebsame Verknüpfung ließ sich einfach nicht lösen. Es schien, als ich nie aus dem Schatten der Beziehung herauskäme und auf ewig in der Schleife der Verzweiflung, des Trübsal-Blasens verharren würde. Vielleicht aber lag es auch an meiner Strategie. Oder aber der Online-Kurs war einfach nicht mit meiner Art des Lernens kompatibel.
Also fasste ich den Entschluss, neue beziehungsweise auf konservative Methoden zurückzugreifen. Ein Vokabelheft musste her. Und damit die Herangehensweise: was man aufschreibt, das bleibt im Gedächtnis. Vielleicht ein Generationending. Oder schiere Verzweiflung, wer weiß das schon. Am Ende ist ja nur wichtig, dass es funktioniert und dieses verdammte Knäuel an sich gegenseitig bedingenden, an mir zerrenden Fixpunkten in Wohlgefallen auflöst. Tja, und da halbe Sache bekanntlich nicht so mein Ding sind und trotz anderslautender Meinung viele Wege nach Rom und in diesem Fall nach Paris führen, landete auch gleich ein Übungsbuch mit im Einkaufskorb: „On y va!“
Ob es hilft, den Knoten zu lösen? Keine Ahnung. Aber vielleicht geht es ja auch gar nicht darum, ihn zu lösen, sondern zu verstehen, wie er entstanden ist. Und dann, irgendwann, weiterzugehen.


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