W. meinte einmal: „Im Laufe einer Beziehung werden die Tiere immer größer. Erst ist es der Spatz, dann der Hase. Es folgen Zicke, Kuh, Trampeltier und Rhinozeros (Anmerkung der Redaktion: für den Partner natürlich in männlicher Form).“
Ich habe es damals nur bis zum Spatz geschafft, was sich nun natürlich in zwei Varianten deuten lässt: zum einen, dass ich einfach immer eine so liebenswerte Partnerin bin, dass Mann gar keinen Grund hat, den Spatz abzuschießen. Oder eben, dass ich einen Hang zum vorzeitigen Abflug habe und während Mann noch in der größten Verliebtheit schwebt, der Spatz sich ein anderes Nest sucht. Nun, das ist eine andere Geschichte – bekanntlich gehören zur Wahrheit immer zwei.
E. hat mir, kryptisch wie er es immer gern gewesen ist, einmal den Satz „Geschichte wiederholt sich nicht“ geschrieben. Ich habe lange, sehr lange, darüber nachgedacht, was damit gemeint ist – und was er in seinem speziellen Fall damit gemeint haben mag. Nun, es wird mir, wie so vieles, ein Rätsel bleiben. Wie gesagt, die Wahrheit befindet sich immer in der Mitte zwischen zwei Menschen.
Für ihn war ich sein Pinguin. Das war doch nun mal wirklich etwas Besonders und damit verstärkte sich noch mein Gefühl, unsere Beziehung befinde sich wirklich außerhalb des Standards, irgendwo jenseits der gewöhnlichen Koordinaten. Und eben dieses Jenseits-der-Norm wird mir jetzt zum Verhängnis, denn Ausnahmen fallen auf, so wie Pinguine, deren Anblick mich nun mit Schmerz erfüllt.
Ein Spatz war ich nie. Das mag jetzt daran liegen, dass ich in E.‘s Augen wohl nie liebenswert genug war und sich folglich keine Kreise im siebten Himmel ziehen ließen, weil die Thermik und wir mit ihr immer wieder jäh abgestürzt sind.
Ich habe in diesem Fall auch ganz eindeutig den Zeitpunkt des Abflugs verpasst. Unter Umständen lag es auch daran, dass ich gar nicht fliegen konnte, weil ich ständig im falschen Element mein Glück ge- und versucht habe. Ein Pinguin auf dem Trockenen eben.
Ich bin also direkt in Stufe zwei der Huftiere geschlittert und das mit der an mich selbst gerichteten Frage: warum hast Du all das so lange mit Dir machen lassen, Du dumme Kuh?
M. sagt, ich solle, ja müsse, die Dinge abschließen und meint damit meine Verzweiflung, meine Niedergeschlagenheit und das Festhalten an der Vergangenheit. Das Abschließen ist in dem Fall ja doppeldeutig. Zum einen soll es einen Punkt markieren, an dem es ein Ende und gleichzeitig einen Anfang gibt und zum anderen enthält es den Wunsch, etwas in einer Nische des Bewusstseins zu verstauen und diese fest zu verschließen, auf dass es sich unbeschwert weiterleben lässt und die Geschichte sich eben nicht wiederholt. Und manchmal geht es auch darum, eine Geschichte wie einen Schatz wegzuschließen, damit sie in Erinnerung bleibt. Denn wer sich der Geschichte nicht bewusst ist, der wiederholt sie am Ende doch.
Ich habe also das Bild, Sinnbild und immerwährender Stachel meines Scheiterns in zweifacher Hinsicht, entfernt und mit einem anderen Kunstwerk den leeren, vorwurfsvollen Fleck abgedeckt, was natürlich in gewisser Weise recht kurzsichtig, um nicht zu sagen, schwachsinnig ist, weil schon das Motiv einen daran erinnert, etwas nicht zu vergessen und ich selbstverständlich weiß, was vorher dort seinen Platz hatte.
Vielleicht aber ist das der eigentliche Witz des Abschließens: dass man den Schlüssel nie wirklich los wird. Er klimpert in irgendeiner Jackentasche, liegt in einer Schublade und doch ist er da. Und so sitze ich nun also vor dieser neuen Wand, vor diesem anderen Bild, das nichts von dem weiß, was es verdeckt, verdecken soll. Und ich frage mich, ob das Abschließen vielleicht gar nicht bedeutet, eine Tür hinter sich zu ziehen. Sondern zu lernen, dass hinter jeder Tür eine weitere wartet.
Nur dass man eben irgendwann aufhört zu zählen.


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