Steps to Stories

Wenn jeder Schritt zu einer (anderen) Geschichte wird


Die eigene Welt

„Sie lebt eben jetzt in ihrer eigenen Welt“, der Satz, ausgesprochen von Frau J., der bezaubernden Pflegeleitung, hallt nach. Ich betrachte meine Tante und ja, so ganz ist sie nicht mehr in diesem Leben. Aber was heißt das schon? Was ist ein „normales“ Leben? Sie freut sich wie ein Kind, wenn ich zu Besuch komme. Sie weint, wenn sie etwas nicht (mehr) kann und Angst hat. Ihr fehlen die Worte. Immer mehr. Immer öfter.

Wenn ich einmal dement werde, gucke mich an, berühre mich und lächle mich an, bevor Du mit mir sprichst – so weiß ich, dass Du es gut mit mir meinst.

Andererseits, es ist ihr Leben und irgendwie hat sie schon immer in ihrer eigenen Welt gelebt – selbständig, autonom, unabhängig, unablässig ihren Weg gehend. Ihr jetziger Arzt, einst Anwärter auf ihrer Station, bescheinigt mir sogar, dass ihre wissenschaftliche Expertise und Herangehensweise den männlichen Kollegen, vor allem aber Vorgesetzten so viel Respekt einflößte, dass sie einen wahrhaft schweren Stand hatte. Durchweg bis zum Schluss.

Ich schaue mir mit ihr Bilder ihrer Karriere an und frage mich, wo sie nur hin ist, in ihrer eigenen Welt, denn an dieses Leben, an diese Welt erinnert sie sich meist nicht mehr. „Kenn‘ ich nicht“, ist oftmals ihre Antwort, wenn ich nach den Personen auf den Aufnahmen frage. Ich probiere es mit Fotos aus einem früheren Leben, ihrer Kindheit. Fast sprudelt es aus ihr heraus, aber ebenso häufig bekomme ich auch ein „Weiß‘ ich nicht“. Ja doch, das war wirklich eine andere Zeit, sie mit Zöpfen: „ich wollte immer lange Zöpfe haben, aber meine Haare sind nicht gewachsen“ und weißen Strümpfen: „die Jungen haben sich immer über meine Socken lustig gemacht“. Ob sie sich damals wohl nicht gewehrt hat, weil ihr das entsprechende Rüstzeug gefehlt hat? Oder waren genau das die Grundsteine für ihren Eigensinn?

Wenn ich einmal dement werde, musst Du ruhig mit mir sprechen, damit ich keine Angst bekomme und nicht das Gefühl habe, dass Du böse mit mir bist.

In ihren Unterlagen finde ich einen Zeitstrahl ihres Lebens – von ihr erstellt, die Beweggründe hierfür werden mir sicherlich für immer verschlossen bleiben – und nun bin ich es, der die Worte fehlen. Und dann sitze ich da mit diesem Papier, das ihr Leben in Strichen und Jahreszahlen aufzeichnet, das eigene Leben anhand von Ereignissen und Erlebnissen klar vermessen. Es berührt und erschüttert mich gleichermaßen, dass sie ihre früheste Kindheit nicht als eine glückliche, im Gegenteil sogar als eine negative Zeit empfunden hat, hauptsächlich und abgesehen von der Tatsache, im Krieg geboren worden zu sein, weil der jüngere Bruder verhätschelt wurde und der Vater sie abgelehnt hat – ein weiteres Familienrätsel, welches ich wohl nie lösen werde. Was mich allerdings am meisten erstaunt, ist die Bestimmtheit, mit der sie ihr Leben mit Studienbeginn und Eintritt ins Berufsleben ohne große Schwankungen nur positiv, ja sogar sehr positiv darstellt und es aus ihrer Sicht schlussendlich auch so gewesen ist.

Vor einer gefühlten Ewigkeit hat sie bereits Vorkehrungen für ihre, wie man so schön sagt, letzte Ruhestätte getroffen und ebenso bestimmt, was ihre letzte Botschaft sein soll: „Das Leben war schön.“ Ich denke, ich bin ein bisschen eifersüchtig, dass sie dies bereits in einem Alter sagen konnte, in dem ich es alles andere als schön finde. Doch mein Recht ist es nicht, darüber zu spekulieren, noch weniger zu urteilen, denn es ist ihr Leben und immer, wenn ich nach diesem, ihren gefragt werde, lautet meine Antwort: „Da ist nichts offen. Sie hat alles gemacht, was sie machen wollte und auch noch die ganze Welt bereist.“

„Wie schön, dass Du da bist“. Wir schauen uns an. Sie beginnt Sätze und dann sehe ich, wie sie um Wörter ringt. Sie schaut mich an, legt die Hände vors Gesicht und schluchzt. Oft versuche ich, ihr Worte zu geben – in der Hoffnung, es sind die, die sie sucht. Genauso oft nehme ich sie einfach nur sanft in den Arm, streiche ihr über den Kopf und beruhige sie. Wir schauen uns an und sind beide verzweifelt, weil wir nicht mehr die gleiche Sprache sprechen.

Wenn ich einmal dement werde, bin ich leicht zu beruhigen. Nicht mit Worten, sondern indem Du ruhig neben mir sitzt und meine Hand hälst.

Ja, sie lebt in ihrer eigenen Welt. „Wie schön, dass Du da bist“, sagt sie wieder und wieder. Ich lächle. Und weiß nicht, ob ich ihr antworte oder mir selbst. Vielleicht aber ist das die eigentliche Frage – nicht, ob sie noch in unserer Welt lebt, sondern ob wir nicht alle, jeder für sich, in seiner eigenen Welt lebt.



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